Regisseur

“Als Fünfjähriger wanderte ich oft in der Textilfabrik meines Großvaters in Surat im indischen Gujarat herum, die heute allerdings geschlossen ist. In den labyrinthischen Korridoren konnte man sich leicht verlaufen. Als kleiner Jung war ich von den Maschinen überwältigt. Es war dieses Gefühl, sich winzig und unbedeutend zu fühlen, wenn man vor den gigantischen Maschinen steht, das mich zwanzig Jahre später in eine ähnliche Fabrik zurückbrachten – diesmal mit einer Kamera. Ich erinnere mich an Fragmente: wie ich in den langen Gängen der Druckmaschinen verloren gegangen bin, und wie ich den Geruch von Kohle in den Kesselräumen der Fabrik genoss. Vielleicht nur deshalb, weil es für mich verboten war, dort überhaupt zu sein.

Die Perspektive eines Kindes ist von der Größe geprägt, aber als Erwachsener übernimmt die Tiefenwahrnehmung. Die Welt auf Augenhöhe zu sehen, half mir, meine falsche Wahrnehmung zu relativieren. Wir vergessen dies in unseren existentiellen alltäglichen Strukturen, weil diese Dinge vor unserem unmittelbaren Gesichtsfeld verborgen sind. Ich möchte diese einfache ‚Perspektive-auf-Augenhöhe’, die wir manchmal bewusst nicht anerkennen wollen, durch die Kamera aufzeigen. Es ist leicht, bei Dingen weg zu schauen, die uns unangenehm sind. Also machte ich mich auf, Filmkunst als kuratorisches Mittel zu nutzen, um einigen dieser Dinge mit Geduld zu begegnen.

Durch meine zahlreichen Exkursionen in viele Fabriken habe ich ein Gefühl für meine Klasse, meinen Status und meine Identität innerhalb der 1,3 Milliarden Inder, mit denen ich die Nationalität gemein habe, bekommen. Ein Bruchteil der Arbeiter offenbart seine Geschichte nicht in meiner Gegenwart, vermutlich wegen meiner Beziehungen zu den Besitzern. Aber eine Mehrheit von ihnen ist in der Lage, sich über unsere unmittelbaren und sozialen Unterschiede hinweg zu öffnen und die Umstände zu enthüllen, die sie her geführt haben. Jugendliche, die dieser Fabrik beigetreten sind, als ich ein Kleinkind war, sind jetzt Erwachsene mittleren Alters. Einige von ihnen scheinen sich an mich und meinen Vornamen zu erinnern. Während ich immer wieder die Welt bereiste, haben die Arbeiter ihre komplette Existenz in diesen Fabriken der Ausgrenzung und Entfremdung verbracht und geschuftet.

Essen, ein Dach über dem Kopf und Stoffe sind die materiellen Notwendigkeiten der Existenz. Eine Fabrik funktioniert innerhalb dieser Interessen, die durch eine Vielzahl von menschlichen Elementen entstanden sind. Es gibt einen Chef gegenüber Tausenden von Arbeitern. Ein Mangel an gewerkschaftlich organisierter Arbeit in einer dicht besiedelten, schnell beschleunigenden Wirtschaft lässt Raum für Vieles was unsichtbar bleibt. Eine Vielzahl an Menschen wird bewusst übersehen, um die Interessen einiger weniger zu schützen. Und das ist nicht nur in einer Fabrik so, sondern in der gesamten Gesellschaftsstruktur. Die Systeme, die dies zulassen, müssen zur Kenntnis genommen werden.”

 

“…Für die Arbeit in der Fabrik bekomme ich Rs.210 (3 USD) pro Schicht. Davon muss ich essen, etwas für meine Familie sparen und sie unterstützen…”